Istanbul, das Mekka der Haartransplantationen

Ungefähr 65.000 Ausländer haben sich 2016 in dieser Stadt operieren lassen. Der Anziehungspunkt ist der Preis.

Istanbul 27 SEP 2017 – 11:05 CEST

Wenn Sie in den letzten Jahren Istanbul besichtigt haben, sind Ihnen vielleicht die Gruppen von Männern aufgefallen, die zwischen der Sultan-Ahmed-Moschee und der Hagia Sophia oder auf der Avenida zum Taksim-Platz mit einem kahl geschorenen oder verbundenem Kopf spazierengehen. Einige Touristen forschen nach, ob es sich um eine merkwürdige islamische Sekte handelt. Aber nein: sie haben eine Glatze. Männer aus der ganzen Welt sind in die türkische Metropole gereist, um sich einer Operation zu unterziehen, die ihre Probleme mit dem Haarausfall löst.

Der Chirurg Abdullah Etöz zeigt die Bereiche auf dem Kopf seines Patienten, wo Haarfollikel entnommen werden, die in den oberen Bereich implantiert werden.

Jordi, ein junger Mann aus Barcelona, kann eine gewisse Nervösität nicht verbergen. Er begibt sich gerade in die Hände des Chirurgen eines Krankenhauses in Istanbul: „Es ist das erste Mal… naja, eigentlich macht man es nur einmal im Leben.“ Die Entscheidung, in die Türkei zu reisen, wurde lange überlegt. Es ist ein Land, das er nicht kennt, aber nach Untersuchung der verschiedenen Behandlungen und Möglichkeiten in Spanien — er hat viele Unterlagen mit Vergleichsstudien — entschied er sich dafür. „Er hat seine Arbeit sehr gut gemacht“, lacht sein Vater stolz. Mit seinen 24 Jahren hat er einen großen Teil seines Haars durch ein Medikament verloren, das er einnehmen musste. Aber nach acht Stunden Operation, in denen die Haarfollikel einzeln aus dem Nacken entnommen werden, um sie in den Haarkranz „einzusetzen“, ist er sehr zufrieden. Wenn alles gutgeht, hat er in einigen Monaten eine neue Haarpracht.

El cirujano Abdullah Etöz señala las zonas de la cabeza de su paciente de las que se extraerán los folículos capilares que se implantarán en la parte superior.

In den letzten Jahren hat sich die Türkei zu einem weltweiten Marktführer in dieser Disziplin der Schönheitschirurgie entwickelt: 2016 sind 65.000 Ausländer in die Türkei gereist, um sich in den Kliniken Haare einpflanzen zu lassen. Sie kommen hauptsächlich aus arabischen Ländern, aber es gibt immer mehr Europäer, die sich für die Türkei entscheiden, insbesondere Italiener und Spanier. Die türkischen Kliniken haben Vertretungsbüros in Madrid, Barcelona und anderen spanischen Städten eröffnet oder arbeiten mit vermittelnden Unternehmen zusammen. Der Grund für die Attraktivität der türkischen Krankenhäuser liegt hauptsächlich im Preis, zwischen 2.000 und 3.000 Euro pro Operation, einige Nächte im Hotel eingeschlossen —in einigen Angeboten wird der Aufenthalt verlängert, damit sie Istanbul besichtigen können — und die Reise und ein Dolmetscher sind auch inbegriffen. „Die Preise können fünf oder sechs Mal unter denen liegen, die in irgendeiner europäischen Stadt oder in den Vereinigten Staaten von Amerika verlangt werden. Der Grund liegt darin, dass es sich nicht um eine Operation handelt, für die teures Material erforderlich ist, sondern vor allem Humankapital. Und da die Gehälter in der Türkei günstiger sind, sinkt auch der Preis. Ein anderer, ziemlich wichtiger Faktor ist die hohe Kompetenz, und die türkischen Unternehmen halten den Preis so niedrig wie möglich“, versichert Pau Vilanova, Geschäftsführer des Unternehmens CapilClinic, der die Patienten nach Instanbul bringt: „Selbstverständlich sind die Einrichtungen und die medizinischen Ausstattungen auf höchstem Niveau und mit europäischen Einrichtungen vergleichbar.“

Die plastische Chirurgie und die Mikrochirurgie haben in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte zu verzeichnen. Nach Auffassung von Dr. Abdullah Etöz des Krankenhauses Acibadem Bakirköy hat das mit den zahlreichen Arbeitsunfällen und Kriegsverletzungen zu tun, welche die türkischen Krankenhäuser Ende des Jahres behandeln mussten: „Außerdem haben wir zahlreiche junge Fachkräfte, die gut ausgebildet sind und den neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen sind.“ Der Chirurg Zekerya Kul, der seine eigene Klinik leitet, fügt einen anderen Grund hinzu, weshalb die Haarimplantate sich derart entwickelt haben, dass die Techniken, die in der Türkei verwendet werden, fortgeschrittener sind als die, welche sogar in den in den USA verwendet werden: „Der Sektor begann durch die interne Nachfrage sehr stark zu wachsen, ebenso wie Russland sich auf Augenchirurgie spezialisiert hat und der Iran auf Rhinoplastik.“

Es ist unbestreitbar, dass die Regierung diesen Sektor unterstützt und dass sie sich zum Ziel gesetzt hat, aus der Türkei „2023 eines der bedeutendsten Reiseziele des Gesundheitstourismus“ zu machen, wie aus einer Quelle des Gesundheitsministeriums hervorgeht. Hierfür erhalten türkische Gesundheitsbetriebe Subventionen zur Förderung und Eröffnung von Büros im Ausland. Ungefähr 750.000 Ausländer reisten 2016 in die Türkei, um sich medizinisch behandeln zu lassen und ließen etwa 5.000 Millionen Euro im Land. „Die Schönheitschirurgie ist nur einer der vielen Bereiche, in denen wir arbeiten“, behauptet Gökhan Izlisu, der im Gesundheitskonzern Acibadem für Europa verantwortlich ist. „Seit 12 Jahren nehmen wir ausländische Patienten auf, besonders für Krebs- und Fruchtbarkeitsbehandlungen sowie in der Neurochirurgie und in der Organtransplantation, weil wir Vereinbarungen mit den Gesundheitssystemen mehrerer Länder haben“, erklärt Izlisu.

Aber die große Konkurrenz, die unter den Kliniken herrscht, die Behandlungen gegen Haarausfall in der Türkei anbieten — allein in Instanbul gibt es mehr als 350—, hat eine dunkle Seite. Es wurden Fälle von Kliniken registriert, in denen mangelhafte hygienische Bedingungen herrschen oder Operationen von Krankenpflegern oder Technikern ohne die entsprechende Ausbildung durchgeführt wurden. „In der Türkei ist es vorgeschrieben, dass ein Chirurg den Eingriff übernimmt, andernfalls wird dies mit Gefängnis bestraft“, warnt Dr. Kul. Trotzdem gibt es Unternehmen, die Zimmer in großen Krankenhäusern mieten und dort Eingriffe ohne die Aufsicht eines Arztes durchführen. „Die Patienten glauben, sie befänden sich unter der Aufsicht und dem Dach des Krankenhauses, aber das ist nicht der Fall“, fährt der Chirurg fort.

Dieser Punkt wird von einer ehemaligen Angestellten einer dieser „Phantom“-Kliniken bestätigt, die erzählt, dass die Station, in der die Haartransplantationen durchgeführt wurden, immer geschlossen wurde, wenn das Gesundheitsamt in das Krankenhaus kam, damit man den Eindruck hatte, sie sei leer. „Es gibt Unternehmen, die den Preis stark senken, aber weder die gesetzlichen Vorschriften noch die Standards erfüllen — meint Vilanova—, daher empfehlen wir den Patienten, dass sie nicht nur die Variable des Preises anschauen, sondern sich gut beraten lassen, bevor sie einen Vertrag für eine Operation abschließen.“

Ursprung: EL PAIS, https://elpais.com/internacional/2017/09/15/actualidad/1505465405_058061.html

 

2018-05-17T10:07:14+00:00 By |News, Unsere-Patienten|